Vergleich digitaler Entscheidungskonzepte nach demokratischen Kriterien
Vergleichsmaßstab: Dieser Vergleich betrachtet unterschiedliche Verfahren danach, wie gleichberechtigt politische Positionen eingebracht werden können, wie politische Ziele entstehen, wie verständlich das Verfahren bleibt und wie stark Personen, Organisation, Taktik oder Moderation das Ergebnis beeinflussen können. Die Verfahren lösen teilweise unterschiedliche Aufgaben und sind deshalb nicht in jeder Situation unmittelbare Konkurrenten.
1. demokratie.services – Diskussion, Zielbildung und Thesen-Matching
Der Ansatz: Politische Ziele werden nicht nur bewertet, sondern von den Teilnehmern selbst formuliert, weiterentwickelt, eingeordnet und anschließend zur Grundlage der Auswertung gemacht.
- Diskussion über konkrete Ziele statt Kommentarspalten: demokratie.services ist auch eine Diskussionsplattform. Die Diskussion erfolgt jedoch nicht primär durch Antworten auf Personen. Wer eine Forderung für falsch, unvollständig oder schlecht formuliert hält, kann eine andere oder verbesserte Forderung einstellen. Damit wird aus dem Einwand wieder ein konkret bewertbares politisches Ziel.
- Kooperative Weiterentwicklung: Mehrere Formulierungen und Zielvorstellungen können nebeneinander bestehen. Über die Positionsbewertung mit den Pfeilen wirken alle Teilnehmer daran mit, welche Forderungen höher eingeordnet werden. So kann sich der Forderungsbestand fortlaufend entwickeln, ohne dass eine Redaktion die „richtige“ Formulierung festlegt.
- Trennung von Bedeutung und politischer Haltung: Die Einordnung einer Forderung und die politische Bewertung sind getrennte Vorgänge. Damit kann ein Teilnehmer beispielsweise eine Forderung für sehr wichtig halten und sie dennoch ablehnen.
- Gleiches Gewicht: Die Bewertungen der Teilnehmer folgen denselben Regeln. Bekanntheit, Redegewandtheit, Funktion oder persönliches Netzwerk verleihen einer Bewertung kein zusätzliches mathematisches Gewicht.
- Vom Diskurs zum politischen Zielbestand: Die maßgeblichen Forderungen sind nicht bloß ein vorgegebener Fragebogen. Sie entstehen aus eingebrachten Forderungen, Alternativen, Weiterentwicklungen und deren gemeinsamer Einordnung. Die Auswertung bezieht sich damit auf Ziele, die aus dem laufenden Prozess hervorgegangen sind.
- G-ID und Repräsentantenfindung: Eine G-ID schafft einen nicht ortsgebundenen Meinungsraum für Vereine, Initiativen, Parteien oder andere Gruppen. Mitglieder und mögliche Repräsentanten bewerten denselben maßgeblichen Forderungsbestand. So kann ermittelt werden, welche Person bei diesen konkreten politischen Zielen die größte inhaltliche Übereinstimmung mit der Gruppe aufweist.
- Keine Persönlichkeitsprognose: Das Matching behauptet nicht, zukünftiges Verhalten oder unbekannte Einstellungen vorherzusagen. Verglichen werden die tatsächlich abgegebenen Bewertungen zu denselben politischen Zielen.
- Manipulationsresistenz: Einfluss über Popularität und Rhetorik wird reduziert, weil einzelne Sachpositionen bewertet werden. Strategisches Verhalten ist nicht unmöglich, verteilt sich aber auf die Formulierung, Einordnung und Bewertung vieler einzelner Ziele.
- Herausforderung: Das Verfahren verlangt aktive inhaltliche Beteiligung. Wer politische Ziele wirklich mitentwickeln will, muss sich mit einzelnen Forderungen auseinandersetzen; das ist anspruchsvoller als eine einzige Personenentscheidung.
2. Liquid Democracy & Proxy Voting
Der Ansatz: Teilnehmer entscheiden selbst oder delegieren ihre Stimme themenbezogen an eine andere Person.
- Stärke: Fachwissen und Arbeitsteilung können genutzt werden, ohne die eigene Stimme dauerhaft an einen Vertreter abzugeben.
- Flexibilität: Delegationen können je nach Ausgestaltung thematisch unterschiedlich und widerrufbar sein.
- Machtkonzentration: Besonders bei übertragbaren Delegationsketten kann sich erhebliche Stimmmacht bei wenigen Personen sammeln. Dieses Konzentrationsproblem wird auch in der Forschung zu delegativen Verfahren diskutiert.
- Diskussion und Zielbildung: Liquid Democracy regelt in erster Linie, wer entscheidet. Wie politische Vorschläge entstehen und weiterentwickelt werden, benötigt zusätzliche Diskussions- und Antragsverfahren.
- Transparenz: Mit längeren Delegationsketten kann schwerer nachvollziehbar werden, wer eine Entscheidung letztlich mit welchem Gewicht getroffen hat.
3. SK-Prinzip (Systemisches Konsensieren)
Der Ansatz: Eine Gruppe entwickelt Lösungsvorschläge und bewertet den Widerstand gegen jeden Vorschlag; bevorzugt wird die Lösung mit dem geringsten Gesamtwiderstand.
- Stärke: SK eignet sich besonders für konkrete Gruppenentscheidungen, bei denen eine möglichst breit tragfähige Lösung gesucht wird.
- Diskussionsfunktion: Vorschläge können gesammelt, Widerstände sichtbar gemacht und aufgrund dieser Einwände weiterentwickelt werden. Damit besitzt SK selbst einen kooperativen Diskussions- und Verbesserungsprozess.
- Andere Aussage des Ergebnisses: Geringster Widerstand bedeutet nicht automatisch stärkste Zustimmung oder größte Übereinstimmung mit einem politischen Gesamtprofil. Das Verfahren beantwortet eine andere Frage.
- Strategisches Verhalten: Wie bei skalierenden Abstimmungen können Bewertungen taktisch abgegeben werden. Das ist eine mögliche Schwäche, aber kein hinreichender Grund, das Verfahren grundsätzlich als manipulierbar zu bezeichnen.
- Abgrenzung: SK sucht für eine konkrete Entscheidung eine möglichst akzeptierte Lösung. demokratie.services lässt politische Ziele über längere Zeit entstehen, einordnen und bewerten und kann diesen Zielbestand anschließend zusätzlich zum Vergleich mit möglichen Repräsentanten verwenden.
4. Quadratic Voting (Quadratisches Wählen)
Der Ansatz: Teilnehmer erhalten ein begrenztes Budget und können dadurch ausdrücken, welche Entscheidungen ihnen besonders wichtig sind; zusätzliche Stimmen für dasselbe Thema werden zunehmend teurer.
- Stärke: Nicht nur die Richtung einer Präferenz, sondern auch ihre Intensität kann in die Entscheidung einfließen.
- Formale Gleichheit: Bei gleicher Ausgangsausstattung verfügen Teilnehmer über dasselbe Budget; sie können es jedoch unterschiedlich auf Themen verteilen. Es handelt sich daher nicht schlicht um die Abschaffung gleicher Beteiligung, sondern um eine andere Definition ihrer Verwendung.
- Strategischer und mathematischer Aufwand: Teilnehmer müssen überlegen, für welche Themen sie ihr begrenztes Budget einsetzen. Das kann taktische Optimierung begünstigen und ist weniger intuitiv als eine direkte Einzelbewertung.
- Zielbildung: Quadratic Voting ist vor allem ein Abstimmungsmechanismus. Die vorausgehende Diskussion und Formulierung der zur Abstimmung stehenden Ziele muss anderweitig organisiert werden.
5. Ranked-Choice Voting (Präferenzwahl)
Der Ansatz: Wähler bringen Kandidaten oder Alternativen in eine Rangfolge; nach dem konkreten Verfahren werden nachrangige Präferenzen berücksichtigt.
- Stärke: Mehr als eine Präferenz kann auf einem Stimmzettel ausgedrückt werden; ähnliche Kandidaten müssen sich dadurch nicht zwangsläufig so stark gegenseitig Stimmen entziehen wie bei einer einfachen Mehrheitswahl.
- Vorgegebene Alternativen: Das Verfahren ordnet Kandidaten oder bereits formulierte Optionen. Es entwickelt selbst keine politischen Ziele.
- Strategisches Verhalten: Ranked-Choice reduziert manche taktischen Probleme klassischer Mehrheitswahlen, beseitigt strategisches Wählen aber nicht grundsätzlich.
- Transparenz: Die Rangfolge ist für den Wähler einfach; die mehrstufige Auszählung ist jedoch weniger unmittelbar als das Zählen einfacher Ja-/Nein-Stimmen.
- Abgrenzung: Ranked-Choice beantwortet vor allem „Welche der vorhandenen Personen oder Optionen soll gewinnen?“. demokratie.services kann bereits vorher klären, welche konkreten politischen Ziele die Gruppe trägt.
6. Aleatorische Demokratie und Bürgerräte
Der Ansatz: Bürger werden per Los – häufig zusätzlich nach Merkmalen geschichtet – ausgewählt, erhalten Informationen, beraten und erarbeiten Empfehlungen.
- Stärke: Zufallsauswahl kann Menschen in politische Beratung bringen, die in Parteien, Verbänden oder offenen Beteiligungsverfahren sonst kaum vertreten wären. Moderne Bürgerräte verbinden Losverfahren häufig mit dem Ziel einer möglichst vielfältigen Zusammensetzung.
- Diskussionsqualität: Zeit, Informationen, Expertenanhörungen und moderierte Beratung ermöglichen eine wesentlich tiefere Auseinandersetzung als eine einzelne Abstimmung.
- Begrenzte unmittelbare Beteiligung: Nur die ausgeloste Gruppe nimmt an der eigentlichen Beratung teil. Die übrige Bevölkerung ist nicht selbst Teil dieses Entscheidungsprozesses.
- Einfluss des Verfahrensdesigns: Themenstellung, Informationsauswahl, Experten und Moderation müssen sorgfältig organisiert werden, weil sie den Beratungsprozess beeinflussen können.
- Abgrenzung: Bürgerräte setzen auf intensive Deliberation einer kleinen, möglichst vielfältigen Gruppe. demokratie.services ermöglicht dagegen eine fortlaufende, offene Beteiligung an Formulierung, Einordnung und Bewertung politischer Ziele.
Fazit
Keines dieser Verfahren ist für jede demokratische Aufgabe das „richtige“. Sie setzen an unterschiedlichen Stellen an: Liquid Democracy organisiert Delegation, Systemisches Konsensieren sucht möglichst widerstandsarme Gruppenentscheidungen, Quadratic Voting bildet Präferenzintensität ab, Ranked-Choice ordnet vorhandene Alternativen und Bürgerräte schaffen einen Raum für intensive deliberative Beratung.
Der besondere Ansatz von demokratie.services liegt in der Verbindung mehrerer Schritte, die sonst häufig getrennt stattfinden: Diskussion, Formulierung, Weiterentwicklung, Einordnung und politische Bewertung von Zielen sowie anschließend der Vergleich dieser Ziele mit den Positionen möglicher Repräsentanten.
Die Diskussion wird dabei nicht abgeschafft, sondern anders strukturiert. Ein Einwand muss nicht in einer langen persönlichen Debatte enden: Er kann als bessere, präzisere oder alternative Forderung formuliert werden und steht dann selbst zur gemeinsamen Bewertung. Dadurch kann aus Diskussion unmittelbar ein überprüfbares politisches Ziel entstehen.
Für die Repräsentantenfindung ergibt sich daraus ein wesentlicher Perspektivwechsel: Nicht zuerst die Person und danach ihr Programm, sondern zuerst die Frage „Was wollen wir?“ und anschließend „Wer vertritt diese Ziele am genauesten?“ Eine formale Wahl wird dadurch nicht ersetzt; sie erhält jedoch eine zusätzliche inhaltliche Entscheidungsgrundlage.